Anekdoten
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150 Jahre Siegfriedbrunnen Vor 150 Jahren.. Chronik Die Burgunder Anekdoten

"Hannes, stell 'die Pump' an!"

Der Wanderer, der seine Schritte durch den 100jährigen Fichtenhain zum Siegfriedbrunnen hinauflenkt, wird erstaunt sein zu hören, daß der Wald dort oben einmal reiner Eichenwald war. Und es müssen mächtige Eichen gewesen sein, wie der Chronist berichtet. Sie fielen mit der Industrialisierung dem immer größer werdenden Holzbedarf zum Opfer, und an ihrer Stelle wurde schneller wachsender Nadelwald aufgeforstet. Das aber mußte sich auf den Brunnen nachteilig auswirken, denn Laubwald ist quellenbildend.

1950 war der Brunnen versiegt. Ein Schock für die ganze Gemeinde, denn ein Siegfriedbrunnen ohne Wasser war ein Unding. Schließlich verdankte das "Niebelungendorf" dem Brunnen seinen Namen, und außerdem gab es noch eine Reihe weiterer Brunnen, die mit Siegfrieds Tod in Verbindung gebracht wurden und die alle mehr oder weniger den Anspruch erhoben, "der Richtige" zu sein. Dem konnten die Gras-Ellenbacher auf die Dauer nicht tatenlos zusehen und legten zwei Jahre später eine Rohrleitung zum Brunnen hinauf.

Und als mit Beginn der neuen Saison der erste Bus mit Ausflüglern ankam und diese den Weg in Richtung Siegfriedbrunnen einschlugen, rannte einer ganz aufgeregt die Dorfstraße entlang und rief: "Hannes, stell die Pump' an, sie kumme!"

Ja, und dann lief das Wasser. Aber wie! Da man keinen Überlauf vorgesehen hatte, kam es jetzt recht merkwürdig aus dem verdeckten Rohr heraus. Immerfort im Rhythmus der Pumpe: Hub-hub, hub-hub-hub, hub. - Was wiederum dazu führte, daß dort oben ein älteres Ehepaar aufkreuzte, und die Frau, angesichts des Brunnens, ganz ergriffen zu ihrem Mann gesagt haben soll: "Egon, sieh mal, wie man hier noch so unmittelbar den Pulsschlag der Natur erlebt!"-

Um nun ein weiteres Absinken des Grundwasserspiegels zu verhindern, versucht man es seit ein paar Jahren mit einer neuen Bepflanzung. Mit Erfolg, wie sich inzwischen herausstellte. Und so bleibt zu hoffen, daß sich die Besucher des Siegfriedbrunnens kommender Generationen wieder an einem munter sprudelnden Naturquell erfreuen dürfen.

Siegfriedsquelle

Die Sage vom Brunnen im finsteren Wald,
das Lied der Legende ist alt, sehr alt.
Auf der Hähe des Spessart, nicht weit vom Gipfel,
erhoben mächtige Eichen die Wipfel.
Darunter, an fast verborgener Stelle
entsprang sie, die silberhelle Quelle.

Die Höhe herab, fast schnurgerad'
zur Quelle hin führte ein schmaler Pfad,
mit Moos bewachsen, von Gräsern umsäumt
in der Stille des Waldes, wie verträumt.

Da plötzlich, so um des Tages Mitte
härte man kräftige, eilende Tritte.
O Wunder, ein Krieger im raschen Lauf
hastet gehende den Hang hinauf.

Dann eilt er die Höhe hinab, hin zur Stelle,
wo unter den Eichen hervorspringt die Quelle.
Er läuft so leicht wie ein Reh daher,
obgleich er den Kampfschild trägt und den Speer.

Und da, ein zweiter Krieger jetzt naht,
ohne Waffen, mit einem zerzaustem Bart.
Er keucht schweren Schrittes des Pfades daher,
man sieht es, der Lauf ermüdet ihn sehr.

Jetzt ist auch er auf dem Weg hinab
zur labenden Quelle im hastenden Trab.
Und schon dringt das Raunen der Quell' an sein Ohr;
und den Anderen sieht er kniend davor.

Und er sieht auch den Speer und nimmt ihn zur Hand;
und wie ein Dämon kommt er angerannt.
Und er zielt und wirft so kräftig er kann;
in den Rücken trifft er den anderen Mann.

Der bricht zusammen und wälzt sich zurück;
da trifft den Mörder ein schrecklicher Blick.
Der steht nur fünf Schritte entfernt, wie gebannt,
noch immer erhoben die werfende Hand.

Und obwohl der Speer ihn ganz durchdrang,
der Getroffene geht die fünf Schritte entlang
und erfasst den Kampfschild am Halteknopf
und schmettert ihn auf des Mörders Kopf.

Der strauchelt und fällt und hält sich nicht.
Jedoch auch der Andre zusammenbricht;
und nach Minuten ist er dann tot-
und das Wasser der Quelle färbt sich rot.

Die Sage vom Brunnen im finsteren Wald.
das Lied der Legende ist alt, sehr alt.
 

Peter Assmus
18.05.1992

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