Vor 150 Jahren..
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150 Jahre Siegfriedbrunnen Vor 150 Jahren.. Chronik Die Burgunder Anekdoten

Der Siegfriedbrunnen

Vor 150 Jahren, also im Jahr 1851, wurde der Siegfriedbrunnen auf dem Spessartskopf bei Gras-Ellenbach eingefasst, mit einem beschrifteten Stein versehen und zudem noch ein gotisches Steinkreuz aufgestellt, in das der bekannte Vers aus dem Nibelungenlied eingemeißelt war; wie wir diese Worte auch heute noch lesen können:

"Do der herre Sigfrid ob dem brunnen tranch
er schoss in durch das chruze das von der Wunden spranch
das blut von dem Herzen vust an du Hagenen mat
so großer missewende ein held un nimmer mehr begat."

So mancher wir fragen: Das Nibelungenlied wurde vor mehr als 800 Jahren geschrieben, und der Kern der Sage ist nochmals 400 Jahre älter, warum feiert Gras-Ellenbach das Fest "150 Jahre Siegfriedbrunnen?" Und da muss korrekterweise die Antwort lauten: Wir feiern heute, im Jahr 2001, das 150jährige Jubiläum des Stiftungsfestes von vor 150 Jahren.

Die Quelle auf dem Spessartskopf ist selbstverständlich um Jahrhunderte älter, ebenso auch die Volkssage im Überwald, die sich um diese Quelle rankt. So schreibt auch Sebastian Ost in seiner Chronik: "Längst bevor die Quelle den Namen "Siegfriedbrunnen" erhielt, ging bei den Bewohnern der Umgebung die Meer, an ihr sei ein mächtiger Ritter erschlagen worden und nach einer anderen Fassung sollen es zwei Ritter oder zwei Männer gewesen sein, die sich dort gegenseitig getötet hätten."

Und tatsächlich, ehe vor 150 Jahren der Siegfriedbrunnen, so wie wir ihn kennen, eingeweiht wurde, gab es bei der Quelle ein altes Sühnekreuz, wie es solche an verschiedenen Stellen im Odenwald gab und auch noch gibt, an denen ein Mensch durch Unfall oder Mord ums Leben gekommen war. Das Sühnekreuz an der Siegfriedsquelle ist heute jedoch verschollen. Man weiß nicht mehr, wo es nach der Einweihung des Brunnens hingekommen ist.

Sebastian Jost schreibt weiter: "Bei der Verbreitung, die die Siegfriedsage schon in früheren Zeiten bei dem Volk gefunden hatte, ist anzunehmen, dass man in dem "mächtigen Ritter" den Recken Siegfried zu vermuten begann. Diese Vermutung kann nur vom Volk ausgegangen sein, und zwar rein gefühlsmäßig, ohne Zugrundelegung des Nibelungenliedes. Das sie den Glauben fand und weiterverbreitet wurde, geht aus einer Mitteilung des Revierförsters Balz aus Führt vom Jahre 1844 hervor, worin es heißt: "Alte Leute erzählen, dass die von ihren Voreltern gehört, es sei ein gewisser Siegfried, den man nur den Gehörnten genannt habe, in dem Moment, als er sich an der Quelle niederlegte, um zu trinken, von seinem Schwager erstochen worden; daher der Name Siegfriedbrunnen".

In ähnlicher Form berichtete der damalige Bürgermeister von Affolterbach: "Die Quelle bei Gras-Ellenbach wird seit Menschengedenken das Siegfriedbrünnchen genannt, weil der Sage nach hier der Ritter Hagen den Ritter Siegfried getötet habe".

Dasselbe berichtet der Bürgermeister von Gras-Ellenbach zur gleichen Zeit (1844). Aus all dem geht einwandfrei hervor, dass die Bezeichnung der Quelle auf dem Spesartskopf bei Gras-Ellenbach als Siegfriedbrunnen aus dem Volk stammt, und zwar auf Grund einer alten Volkssage, ohne Berücksichtigung der Nibelungensage.

Was immer auch an der Siegfriedsquelle bei Gras-Ellenbach jemals geschehen ist, die Sage geht sehr weit zurück, was sowohl das alte Sühnekreuz wie auch die weit zurückreichenden Erzählungen unter den Menschen im Überwald belegen.

"Man hat sich in vergangenen Zeiten undenkliche Mühe gemacht." schreibt Sebastian Jost, "jene merkwürdige Stelle ausfindig zu machen, wo Siegfried ermordet wurde, wo sich jene erste Katastrophe abspielte, welcher die zweite grausigere am Hofe Etzels nach sich zog."

Das Nibelungenlied, in den Fassungen, wie sie vorliegen, ist offenbar im 12. oder 13. Jahrhundert entstanden. Es schildert Begebenheiten, die sich sehr lange zuvor ereignet haben sollen, kleidet sie aber in die Verhältnisse, wie sie im 13. Jahrhundert vorherrschten.

Mittelpunkt der Sage und des ganzen Geschehens ist im ersten Teil des Nibelungenliedes Worms, das Burgunderreich im 5. Jahrhundert, das aber kaum 40 Jahre Bestand hatte, bis es durch die Hunnen zerstört wurde. Sehr ausführlich kann man darüber nachlesen in "Das 40. Abenteuer" von Helmut Berndt.

Es gibt sehr viele Auslegungen und Meinungen zu Thema: Nibelungenlied. Man vermutet verschiedene Orte, an denen das Heldenepos entstanden sei, geht aber heute auch davon aus, dass diese Dichtung sehr wohl im Kloster Lorsch entstanden sein könnte.

Jedenfalls führt man die Handschrift C auf den Lorscher Fürst-Abt Sighard von Schauenburg zurück. Bald nach seiner Regentschaft, im Jahre 1232 wurde das Fürstentum aufgelöst. Lediglich das Kloster hatte noch weiterhin Bestand.

Wenn man die Familienverhältnisse des Abtes nachliest, findet man mehrere Namen, die auch im Nibelungenlied zu finden sind. So kann man davon ausgehen, dass Sighard, sollte er der Verfasser der Handschrift C sein, eine alte Sage dichterisch überhöhte und gleichzeitig seine Zeit mit hinein verwob.

Wenn man das Grundthema des Nibelungenliedes betrachtet, das Burgunderreich, die Hunneneinfälle, dazu die Namen der burgundischen Könige, gewisse kriegerische Auseinandersetzungen usw., so kann man davon ausgehen, dass der Verfasser alte Vorlagen hatte, die Ihm das Thema gaben.

Als 764 das Kloster Lorsch gegründet wurde, waren immerhin 'erst' etwa 300 Jahre vergangen, seitdem die Burgunder am Mittelrhein ihr Reich hatten. So kann es sehr wohl in der Frühgeschichte des Klosters Lorsch Aufzeichnungen gegeben haben, zumal das Kloster territorial in die Landschaft eingebettet war, in der sich einige der Ereignisse, so auch die Ermordung Siegfrieds, abgespielt haben.

Kommen wir jetzt wieder zurück auf die ...Örtlichkeit, die mit dem Tod Siegfrieds zu tun hat. Ob nun im 5. Jahrhundert Siegfried tatsächlich im Odenwald ermordet wurde oder nicht, hat jetzt nicht die entscheidende Bedeutung, sondern wir müssen, wie auch Sebastian Jost argumentiert, den ...Örtlichkeiten Bedeutung beimessen, die dem Verfasser des Nibelungenliedes im 13. Jahrhundert vorschwebten. Mit anderen Worten: Wir müssen das Nibelungenlied hinsichtlich der Ermordung Siegfrieds nach den angegebenen Örtlichkeiten prüfen, um feststellen zu können, wo sich der Brunnen oder die Quelle befunden haben muss, an welcher das tragische Ereignis, zumindest was die Dichtung betrifft, stattfand.

Hier lassen wir wieder Sebastian Jost zu Wort kommen:
"Von weit größerer Bedeutung sollten dagegen die Untersuchungen von Staatsrat Knapp aus Darmstadt werden. Er war der erste, der zu dem Ergebnis gelangte, der Schauplatz der Ermordung Siegfrieds sei bei Gras-Ellenbach zu suchen. Einleitend bemerkte Knapp in seiner Abhandlung: 'Wo soll Siegfried ermordet worden sein?': Da das Nibelungenlied bezeugt, dass der Verfasser desselben die Gegend und Orte, in welchen er seine Helden handeln lässt, genau kannte und sich in dieser Beziehung nicht leicht von der Wirklichkeit entfernte, so darf man wohl annehmen, dass er auch bei der Episode von Siegfrieds Tod diesem System treu bleiben wollte, dass also die angedeutete Bahn der Handlung geographisch richtigen Verhältnissen entspricht, und bei der Ermittlung derselben hierauf vorzugsweise Rücksicht genommen werden muss."

Staatsrat Knapp ermittelte Örtlichkeiten, wie sie in den verschiedenen Handschriften erwähnt werden, als durchaus zutreffend für das Jagdgebiet der Burgunder in unserer Heimat.

Die Aussage, im Odenwald jagen zu wollen, bewog die Jagdgesellschaft bei Worms über den Rhein zu setzen. In der St. Galler Handschrift wird erwähnt, das sie daraufhin 'hin zum Waschenwalde' geritten seien. Dass damit nicht der Wasgenwald (die Vogesen) gemeint sein kann, wird schnell festgestellt. Zum einen hätten sie nicht über den Rhein setzen müssen, um dorthin zu gelangen. Zum anderen liegt dieser viel zu weit im Süden.

Knapp vermutet im 'Waschenwald' den Wald entlang der Weschnitz, die in der Volkssprache auch 'Weschenz, Waschiz oder Weschiz' genannt wird. Dies trifft territorial sowohl für das Gebiet zwischen Worms und Heppenheim zu, durch das die Weschnitz, von Weinheim kommend, fließt und genauso für das Weschnitztal von Weinheim bis zur Quelle nach Hammelbach. Auch dieses obere Weschnitztal muss durchquert werden, will man in den Überwald gelangen.

Als nächstes musste man herausfinden, wo sich der in der Sage genannte Spessart befindet. Es konnte ja nicht das Spessartgebirge sein, mehr als hundert Kilometer nordöstlich vom Überwald gelegen. Spessart oder Spessehard bedeute 'Spechtswald'. Und tatsächlich, eine solche Bezeichnung gibt es bei Gras-Ellenbach.

Die Jagdgesellschaft von damals vermisste den Wein zum Essen, den sie von Worms mitgebracht hatten. Daraufhin sagte König Gunther, dass dies Hagens Schuld sei. Und dieser erwiderte: "Liebe Herren, ich wähnte, das Pirschen sollte zum Spesseharte hin stattfinden, also schickte ich den Wein dorthin."

Sebastian Jost schreibt dazu: "Der (vorgegebene) Irrtum Hagens musste sich aber glaubhaft und entschuldbar darstellen, wenn es im Odenwald und zwar in der Nähe des Jagdreviers einen Walddistrikt gab, der ebenfalls Spessart hieß. Dies war aber damals und ist heute noch wirklich der Fall."

Der Spessartskopf liegt etwa 15 Minuten Fußweg südlich von Gras-Ellenbach. Dieser wird in einem Weistum der Cent Waldmichelbach vom 15. September 1430 schon als 'Spesshard' bezeichnet und ebenso in Erbacher Urkunden vom Jahr 1544. Außerdem werden in den Erneuerungen des Oberamts Lindenfels vom Jahr 1613 in der Gemarkung Gras-Ellenbach sieben Stücke Feld und Hecken als an bzw. auf dem Spessart gelegen aufgezählt.

Jost schreibt: "So kann Hagens Entschuldigung nur auf diesen Bezirk und nicht auf den Spessart jenseits des Mains bezogen werden. In diesem Distrikt aber, wenig unterhalb des Gipfels, dem 'Spessartskopf', fand man tief im Walde versteckt, eine kleine Quelle und daneben ein einsames Sühnekreuz, wie es in früheren Zeiten zur Erinnerung an eine Mordtat errichtet wurde."

Nochmals zurück zu Abt Sigehard. Als er regierte war die Burg Waldau im Ulfenbachtal bei Wahlen noch nicht zerstört. Letzteres ereignete sich etwa 150 Jahre später. Es ist durchaus anzunehmen, dass er auch auf Burg Waldau als Gast weilte, vielleicht sogar mehrere Male. Vielleicht ging er selbst im Überwald auf die Jagd. Die Herren von Waldau waren seine Vasallen. Sie hatten von Lorsch ihr Lehen erhalten. Wie nahe liegt da der Gedanke, dass er es gewesen sein könnte, die Örtlichkeiten im Überwald in die Dichtung einfließen zu lassen, sollte auf ihn selbst oder auf einen anderen Schreiber vom Kloster Lorsch die Dichtung des Nibelungenliedes zurückzuführen sein?

Staatsrat Knapp hatte dann noch Schwierigkeiten mit einem Text aus der hohenemsischen Handschrift, wo es heißt: 'Vor dem Otenwalde ein Dorf lit, Ottenhain, da vluizet noch der brunne; das ist zwifel dahein'. Diese ganz bestimmte Ortsangabe gab seinerzeit den Gelehrten Veranlassung, den Ort außerhalb des Odenwaldes zu suchen. Jedoch unter allen jetzt bestehenden oder ausgegangenen, und überhaupt in Urkunden vorkommenden Dörfern ließ sich kein Ottenhain auffinden, dessen Lage mit den übrigen von dem Dichter angegebenen Örtlichkeiten zu vereinigen wäre. So glaubte Knapp Ottenhain mit einem Distrikt 'Dautenhan, Doteshan oder Dotenhan identifizieren zu können, der in einer Urkunde von 1613 bei der Beschreibung der Gemarkung Gras-Ellenbach mehrmals genannt wird. Im Ortsdialekt wird diese Flurbezeichnung noch heute als 'Dallehon' benannt.

"In alten Zeiten hatte dieser Bezirk vielleicht eine größere Ausdehnung", folgerte Knapp, "und näherte sich dem Orte mehr, so dass man sagen konnte: Das Dorf, in dessen Nähe Siegfried erschlagen wurde, liege bei dem Totenhain."

Die Nachricht von der Auffindung des Siegfriedbrunnens bei Gras-Ellenbach wurde von den Zeitungen in ganz Deutschland verbreitet. Daraufhin kamen die Besucher aus allen Gegenden, um die sagenumwobene Stätte zu schauen.

"Wir malen uns im Geiste aus", schreibt Sebastian Jost, "wie diese Fremden von der Schönheit unseres damals noch fast unbekannten Odenwaldes begeistert, gedankenvoll, im Bann des größten deutschen Heldenliedes, dem Murmeln des klaren Bergquells lauschten."

Unmittelbar zur gleichen Zeit als vor 150 Jahren die Siegfriedsquelle auf dem Spessartskopf gefasst wurde und man das gotische Sandsteinkreuz errichtete, wurden auch die Eichen und Buchen gefällt. Fichten wurden angepflanzt, was dazu führte, dass die Quelle nahezu versiegte. Bis vor kurzem standen diese Fichten als mächtige Bäume um den Brunnen herum. Doch bis auf wenige Exemplare wurden sie vor zwei Jahren von einem gewaltigen Sturm umgerissen.

Zum 150jährigen Stiftungsfest, das wir im Mai 2001 begehen, wurden wieder Laubbäume angepflanzt. Wenn unsere Nachfahren in 50 Jahren das 200jährige Jubiläum feiern, dann werden die Äste dieser Bäume im Wind rauschen, und vielleicht wird es dann auf dem Spessartskopf wieder sein, wie in alten Zeiten.

 

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